Im Sommer dieses Jahres beginnt für unseren Sohn ein neuer Lebensabschnitt: er kommt in die Schule. Natürlich ist das letzte Jahr im Kindergarten eine aufregende Zeit. Eines der spannendsten Erlebnisse ist mit Sicherheit der Kauf des allerersten Schulranzens.

Ich muss gestehen, als ich erstmals im Internet schaute, was es eigentlich alles so für Schulranzen gibt, war ich erst einmal überfordert. Es gibt so viele Modelle, Marken, Shops – man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Da wir natürlich nicht die Katze im Sack kaufen wollten, informierten wir uns umfassend und stießen bei unserer Recherche schließlich auf die Marke ergobag. Sehr schnell kristallisierte sich heraus, dass uns bei dieser Marke nicht nur das Design der Schulranzen gefällt, sondern das ganze dahinter stehende Konzept zu uns passt. Als ich dann feststellte, dass der Firmensitz des dahinter steckenden Unternehmens FOND OF BAGS gerade einmal 300m von unserem Zuhause entfernt ist, war für mich klar, dass ich gern mehr über die Unternehmensphilosophie erfahren und natürlich auch euch darüber berichten wollte.

Also schrieb ich einfach eine E-Mail an FOND OF BAGS, ob sich nicht jemand mit mir über das Thema „Schulranzen und Nachhaltigkeit“ unterhalten mag. Recht zügig bekam ich eine Antwort von Linda, die mich einlud, einfach mal vorbei zu kommen.

Wir vereinbarten einen Termin für den 23.03.2017, zu dem ich auch meinen Sohn mitnahm. Linda hatte den Vorschlag gemacht, dass wir uns gemeinsam auch die aktuelle Kollektion anschauen könnten und sie uns die beiden Varianten pack bzw. cubo und ihre Unterschiede einmal genauer vorstellen würde. Das war auch der  Grund, warum mein Sohn mich begleitete. Im Anschluss wollten wir dann über Nachhaltigkeit, Ökologie und faire Arbeitsbedingungen reden.

FOND OF BAGS:

FOND OF BAGS wurde 2010 als ergobag gegründet. Aus dem kleinen Startup ist inzwischen ein richtiges Unternehmen geworden, dem neben tollen und innovativen Produkten seit dem ersten Tag auch die eigene unternehmerische Verantwortung wichtig ist. Unter FOND OF BAGS sind inzwischen sieben Marken vereint: ergobag, Affenzahn, Satch, Pinqponq, A E P, AEVOR und Offermann. Quasi eine neue Marke pro Jahr, auch eine Größe, an der man den Erfolg der Produkte und des Unternehmens messen kann. Trotz Expansion (über 4.500.000 verkaufte Produkte, Quelle CR-Bericht) ist FOND OF BAGS seiner Philosophie von Anfang an treu geblieben. War bereits bei Firmengründung „Recycling“ ein ganz großes Thema (die Schulrucksäcke wurden von Beginn an aus recycelten PET-Flaschen produziert), so nutzt FOND OF BAGS seinen wachsenden Einfluss als Unternehmen um die Arbeits- und Umweltbedingungen bspw. in Vietnam oder China zu verbessern. Man kann es auch ganz einfach formulieren: Je größer ein Unternehmen wird, umso größer wird auch sein Einfluss auf Produzenten und Regionen.

ergobag – Schulrucksäcke mit Zukunft

Bereits in 2015 hat FOND OF BAGS die erste Evaluation bezüglich Corporate Responsibility (Unternehmerische Verantwortung) durchgeführt, um zu erkennen, wo man als Unternehmen steht und arbeitet seitdem daran, sich akribisch zu verbessern. Keine Selbstverständlichkeit in einem so jungen und kleinen Unternehmen. Bei aktuell 180 Mitarbeitern setzen sich zum jetzigen Zeitpunkt bereits zwei Personen Vollzeit mit dieser Thematik auseinander. Ich finde dies bemerkenswert.

Belohnt wurde das unter anderem im November 2016 mit dem Gewinn des Deutschen Nachhaltigkeitspreises. Für so ein junges Unternehmen ist das eine große Ehrung.

Partner von FOND OF BAGS:

FOND OF BAGS ist BLUESIGN® Systempartner, Mitglied der Fair Wear Foundation und unterstützt die Prinzipien von UN Global Compact. Nachstehend möchte ich euch kurz erklären, was damit gemeint ist:

Bluesign: Das System für eine nachhaltige Herstellung von Textilien. Es schließt umweltbelastende Substanzen prinzipiell und von Anfang an aus dem Fertigungsprozess aus. Es legt Richtlinien fest und kontrolliert diese zum Zwecke einer umweltfreundlichen und sicheren Produktion.

Fair Wear Foundation: Mitgliedsmarken der Fair Wear Foundation versuchen die Bedingungen von Arbeitern zu verbessern und orientieren sich dazu an einem Verhaltenskodex, der auf acht Standards basiert:

  1. Freie Arbeitswahl – keine Zwang
  2. Keine Diskriminierung am Arbeitsplatz
  3. Keine Ausbeutung durch Kinderarbeit
  4. Zahlung existenzsichernder Löhne
  5. Angemessene Arbeitszeiten
  6. Sichere und gesundheitsverträgliche Arbeitsbedingungen
  7. Rechtsverbindliche Arbeitsverhältnisse

UN Global Compact: Unternehmerische Nachhaltigkeit beginnt mit einem Wertesystem im Unternehmen. UN Global Compact hat diese in zehn Grundsätzen formuliert, die auf Menschenrechten, Arbeit, Umwelt und Anti-Korruption basieren. Unternehmen, die sich an diesen Prinzipien orientieren, nehmen eine grundlegende Verantwortung für Menschen und unseren Planeten wahr.

Mein Gespräch mit Micha bei FOND OF BAGS:

Soviel zur Einleitung und Vorstellung von FOND OF BAGS. Das Gespräch über das Thema Nachhaltigkeit und unternehmerische Verantwortung führte ich mit dem offiziellen Nachhaltigkeitsexperten von ergobag und FOND OF BAGS: Micha.

Bereits nach kurzer Zeit war mir klar, das Micha richtig für das Thema Corporate Responsibility brennt und es für ihn nicht nur ein Job ist, sondern er auch privat versucht, entsprechend zu leben. Ich fand das einfach großartig. Micha stand mir nahezu eine Stunde lang Rede und Antwort. Eine sehr spannende Stunde und es wäre noch genügend Stoff für eine zweite oder dritte Gesprächsstunde vorhanden gewesen.  Aber lest doch einfach selbst:

  • NaSchö: Natürlich Schöner
  • Micha: FOND OF BAGS

NaSchö: Micha, was ist deine Aufgabe bei FOND OF BAGS bzw. ergobag?

Micha: Seit September 2015 bin ich gemeinsam mit meinem Kollegen Hannes im Bereich Corporate Responsibility tätig. Das heißt, wir schauen, dass unser Einfluss als Firma sowohl ökologisch als auch sozial so positiv wie möglich ist und dass die negativen Auswirkungen so gering wie möglich sind – dies entlang der ganzen Lieferkette.

NaSchö: Ihr schreibt auf der Seite von ergobag, dass ihr bis dato (Stand August 2016) etwa 24 Mio. PET-Flaschen, 1.952 Barrels Öl (310.343 Liter), 399.061 Badewannen Wasser (55.869 m3) und 206 Heißluftballon-Füllungen CO2 (1.214 t) eingespart habt. Worauf bezieht sich das?

Micha: Dies bezieht sich auf das Recyceln der PET-Flaschen. Allein dadurch konnten diese Ressourcen eingespart werden. Ermittelt wurden diese Werte von einer Behörde in Taiwan, die von unserem Stoffproduzenten hierzu beauftragt wurde. Wir haben das aber selbstverständlich hinterfragt und die Berechnungen konnten uns schlüssig erklärt werden.

Aus dem CR – Bericht 2016, komplettes Unternehmen, nicht nur ergobag (Quelle: FOND OF BAGS)

NaSchö: Die Schulranzen von ergobag werden aus recycelten PET-Flaschen hergestellt. Wie genau kann man sich diesen Prozess vorstellen?

Micha: Ich möchte zunächst darauf hinweisen, dass nicht der gesamte ergobag aus recycelten PET-Flaschen hergestellt wird, sondern nur die Außenstoffe.

Die gebrauchten PET-Flaschen werden in Taiwan gesammelt und auch dort verarbeitet. Wir haben keinen Kontakt zu denen, die die Flaschen sammeln, es gibt aber eine Liste mit verbotenen Inhaltsstoffen, die wir an unseren Lieferanten und Stoffhersteller geben und die haben den Kontakt und garantieren die Einhaltung unserer Vorgaben.

Den Prozess kann man sich so vorstellen: die Flaschen werden zunächst geschreddert, so dass kleine Schnipsel daraus entstehen. Diese werden danach eingeschmolzen bzw. homogenisiert, d.h. in die gleiche Form gebracht und es entstehen kleine Pellets. Das ist notwendig, damit die Maschine, die am Ende die Fäden herstellt, sich nicht daran „verschluckt“.

Am Ende werden die Pellets auch wieder eingeschmolzen und wie ein Kaugummi zu langen Fäden gezogen. Das daraus entstehende Garn wird dann zu Stoffen verwebt.

von links: PET-Flasche, klein geschreddert, als Pellets, als Faden

NaSchö: Wie stellt ihr sicher, dass die von euch verwendeten PET-Flaschen möglichst schadstofffrei oder zumindest schadstoffarm sind?

Micha: Dies in letzter Konsequenz abzusichern, ist nahezu unmöglich. Aber wir nutzen ausschließlich PET-Flaschen aus Taiwan – einem hochtechnisiertem Land, dessen PET-Flaschen einen hohen Standard haben. Außerdem wissen die Firmen, die die PET-Flaschen sammeln, dass diese am Ende für Stoffe verwendet werden und sammeln deshalb eher in risikoarmen Gegenden. Zusätzlich werden regelmäßig Produkte und Stoffe von ergobag getestet, um ausschließen zu können, dass Stoffe der Verbotsliste enthalten sind.

NaSchö: Wie stellt ihr sicher, dass dieser Prozess umweltfreundlich vonstattengeht und keine Schadstoffe in die Produkte gelangen?

Micha: Wir haben direkten Kontakt zur Weberei, die die Stoffe für unsere Rucksäcke herstellt. Über eine Liste mit verbotenen Inhaltsstoffen, die wir nicht in unseren Produkten haben wollen, machen wir entsprechende Vorgaben und die Zulieferer müssen Sorge tragen, dass dies entsprechend eingehalten wird.

Zusätzlich verwenden wir Stoffe, die Bluesign zertifiziert sind. Bluesign ist ein Unternehmen aus der Schweiz, das Artikel zertifiziert, wenn komplett transparent ist, welche Chemikalien verwendet wurden, um bspw. einen Stoff zu produzieren. Dabei testet Bluesign nicht das Endprodukt, wie es z.B. Ökotex macht, sondern betrachtet die Herstellungsprozesse unter verschiedenen Gesichtspunkten: welches Färbemittel wurde eingesetzt, gibt es ein Abwassermanagementsystem, wie sieht es mit Emissionen, Lärmentwicklung und Arbeitsschutzmaßnahmen usw. aus. Erst wenn diese ganzen Prozesse transparent sind und man weiß, welche Chemikalien eingesetzt wurden, kann man entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen, um z.B. das verwendete Wasser zu klären. Vom Prinzip: Wenn wir wissen was wir rein tun, wissen wir auch, wie wir es wieder raus bekommen. Ziel ist es bspw., dass im Wasser bestenfalls keinerlei Giftstoffe verbleiben.

Wir arbeiten auch darauf hin, immer mehr Bluesign Systempartner zu haben, um den hohen ökologischen Standard nicht nur bei den Stoffen zu gewährleisten.

Wie die PET-Flasche zum Stoff wird

NaSchö: Sind alle Stoffe und Komponenten die Ihr verwendet von Bluesign Systempartnern?

Micha: Stoffe ja, Komponenten derzeit noch nicht. Betrachtet über die gesamte FOND OF BAGS-Produktpalette, also alle Marken, werden derzeit etwa 15-20% der eingesetzten Materialien von Bluesign-Partnern bezogen. Unser Ziel sind allerdings 50% in 2019.

NaSchö: Achtet ihr auch darauf, dass eure Lieferanten möglichst umweltbewusst und ressourcenschonend produzieren?

Micha: Unser Fokus liegt derzeit eher auf der Verbesserung und Einhaltung von sozialen Standards, aber durch unsere Zusammenarbeit mit Bluesign wird der ökologische Faktor ebenfalls mit abgedeckt, denn Bluesign betrachtet im Zuge der Zertifizierung auch, ob bspw. Maschinen eingesetzt werden, die einen hohen technologischen Standard gewährleisten und dadurch Ressourcen schonen.

Eine Vision von uns ist es aber schon, irgendwann unseren Higg-Index zu ermitteln. Allerdings ist das nicht so ganz einfach, da ein Rucksack aus bis zu 80 Einzelteilen besteht und man bei jedem zuliefernden Unternehmen die Energiebilanz abfragen und auswerten muss. Wobei ergobag bereits heute bei seinen Lieferanten diese Daten abfragt, sich allerdings aufgrund der derzeitigen personellen Situation im Bereich Corporate Responsibility erst einmal auf andere Themen konzentriert. Diese Werte brauchen wir aber irgendwann, wenn wir den ökologischen Fußabdruck eines Rucksacks berechnen wollen. Das ist allerdings ein sehr komplexes Thema und aktuell noch sehr visionär. Daher liegt der Fokus auf dem größten Hebel. Das sind eben die erwähnten Verbesserungen bei den sozialen Standards.

Der Faden aus dem die Rucksäcke und Ranzen sind

NaSchö: Wie hoch ist denn euer Einfluss auf die Lieferanten?

Micha: Ein nicht zu unterschätzender Aspekt dabei ist selbstverständlich, welchen Einfluss hat man überhaupt auf seinen Zulieferer. Bei einem geringen Anteil am Gesamtumsatz eines Lieferanten, sind die Möglichkeiten zur Einflussnahme eher gering. Ist man allerdings einer der Hauptabnehmer, hat der Lieferant logischerweise einen deutlich höheren Anreiz, die Vorgaben zu erfüllen, die man an ihn stellt.

Wenn wir z.B. sagen, wir machen jetzt mal ein „Worker Education Program“ und zeigen den Mitarbeitern, wie man Gewerkschaften aufbaut, dann kann die Näherei das zwar gut oder schlecht finden, aber man wird es machen, wenn wir mit unserem Umsatz wichtig für den Zulieferer sind.

NaSchö: Steigen dadurch nicht auch die Kosten?

Selbstverständlich, man muss sich bewusst machen, dass mit sozialer und ökologischer Verantwortung die Kosten steigen. Die Stoffe sind so um ein Vielfaches teurer. Das beginnt schon durch das Sammeln der PET-Flaschen, durch das Recycling und zieht sich durch die gesamte Wertschöpfungskette.

Auch der Konsument muss verstehen, dass unsere Produkte schon in der Herstellung teurer werden, weil wir unserer Verantwortung als Unternehmen gerecht werden wollen, z.B. aufgrund von Lohnerhöhungen, Sicherheitsstandards und ähnliches.

NaSchö: FOND OF BAGS ist Mitglied der  Fair Wear Foundation, was genau bedeutet das?

Micha: Wir wollen die Arbeitsbedingungen vor Ort bei unseren Lieferanten verbessern und sind deshalb Mitglied der Fair Wear Foundation. Die Fair Wear Foundation ist eine holländische Organisation, die mit Gewerkschaften, Arbeitnehmer- und Frauengruppen, Unternehmensverbänden, Regierungen und Verbraucherorganisationen zusammenarbeitet, um die Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie zu verbessern. Die Fair Wear Foundation prüft, wie die einzelnen Unternehmen mit ihren Lieferanten umgehen. Für FOND OF BAGS als Mitglied der Fair Wear Foundation bedeutet das, dass regelmäßig Vertreter der Organisation zu Interviews ins Unternehmen kommen und hinterfragen, wie FOND OF BAGS konkret die Arbeitsbedingungen bei seinen Lieferanten verbessert.

Ein Punkt dabei ist z.B. ob das befragte Unternehmen weiß, wann die Hochzeiten beim Lieferanten sind. Drängt ein Unternehmen darauf, dass seine Hauptorder mitten in der Hochsaison auch noch produziert werden muss, bedeutet dies für die Arbeiter Überstunden. Platziert man hingegen längerfristig benötigte Bestellungen so, dass der Lieferant dafür Leerlaufzeiten nutzen kann oder Hauptorders vor bzw. nach der Hauptsaison, hat der Lieferant eine konstante Auslastung.

Weitere Punkte sind: ist die Preisgestaltung so, dass überhaupt ein lebenserhaltender Lohn gezahlt werden kann oder wissen alle Mitarbeiter im Unternehmen, dass man Mitglied in der Fair Wear Foundation ist usw.

Last but not least fordert die Fair Wear Foundation ein Beschwerde- und Informationssystem. Das heißt, überall in den zuliefernden Fabriken werden Zettel ausgehängt, die die Arbeitnehmer über ihre Rechte informieren und die eine Hotline ausweisen, bei der die Arbeitnehmer sich melden können, sollte es damit Probleme geben.

Spannender Lesestoff

NaSchö: Welche Vorteile entstehen den Arbeitern dadurch?

Micha: Ein Beispiel wäre, wenn ein Mitarbeiter gekündigt wird, weil er Mitglied des Betriebsrates ist. Dies kann er bei der Hotline melden und diese gibt es an die Fair Wear Foundation weiter, die dies überprüft. Sollte die Anschuldigung wahr sein, macht die Fair Wear Foundation dies öffentlich und informiert den Auftraggeber darüber. Der nachfolgende Prozess (welche Verhandlungen werden mit dem Lieferanten geführt, wie sieht die Lösung aus, bekommt der Arbeitnehmer einen Ausgleich gezahlt, wird der wieder eingestellt usw.) wird ebenfalls von der Fair Wear Foundation dokumentiert. Dadurch bekommt der einzelne Arbeitnehmer ein ziemlich mächtiges Instrument an die Hand, nämlich eine Marke, die Druck auf seinen Arbeitgeber ausübt.

NaSchö: Wenn jemand anmerkt, dass man doch auch in Deutschland produzieren könnte, warum Asien, warum an einem Standort, wo die Bedingungen für Umwelt und Mitarbeiter nicht unbedingt optimal sind?

Micha: Neben der Tatsache, dass die Produktion in Deutschland wahrscheinlich teurer wäre, ist es auch so, dass die Infrastruktur und das Know how hier einfach nicht mehr vorhanden sind. Gerade in Vietnam, wo wir sehr viel fertigen, ist ein Mekka der Outdoorindustrie. Dort gibt es hochspezialisierte Betriebe, die es schaffen, diese hochfeinen Mesh-Gewebe so zu vernähen, dass sie sich nicht verziehen. Dafür ist ein enormes Wissen notwendig, was in dieser Form in Deutschland nicht existiert.

NaSchö: Kannst du das näher erklären?

Micha: Wir schicken bspw. Zeichnungen hin und die Firmen bauen daraus 3D-Modelle. Dafür schneiden Pattern Maker vor Ort Papier aus, kleben diese zusammen und übersetzen so diese 2D Zeichnungen in ein dreidimensionales Papiermodell. Erst wenn das passt, werden die ersten Muster genäht. Diese werden nur anhand des Modells gefertigt. Dafür braucht man ein unglaubliches Vorstellungsvermögen und Wissen, um das zu generieren. Es gibt in Deutschland nur noch wenige Nähereien, die das könnten, diese haben sich aber auf Kleidung spezialisiert. Für Leder gäbe es in Ostdeutschland noch ein paar Nähereien, allerdings kapitulieren diese bspw. vor Kleinstlederwaren und können die benötigte Qualität gar nicht liefern, wie wir diese z.B. aus Indien bekommen.

Schulrucksäcke und Ranzen von ergobag: pack und cubo

NaSchö: Das passt gerade sehr gut als Übergang. Ihr habt die Firma Offermann übernommen, die viele Produkte aus Leder fertigt. Ist diese Produktion auch frei von giftigen Chemikalien (Formaldehyd, Pentachlorphenol, Pestizide, Zinnverbindungen, …)? Leder steht da ja irgendwie immer in der Kritik. Ich habe mich ein wenig gewundert, wie die Marke zur Philosophie von FoB passt.

Micha: Durch die Übernahme von Offermann haben wir auch die Lederlieferkette übernommen, was bedeutet, dass wir das Leder derzeit aus Indien bekommen. Das Leder kommt dort von einem „Local Market“, was wir überhaupt nicht haben wollen. Wir arbeiten aber gerade daran, die Produktion des Leders entweder nach Deutschland oder in die Niederlande zu verlagern. Mit der nächsten Kollektion wollen wir das Leder dann von Leder Heinen aus Mönchengladbach oder von Ecoleder aus den Niederlanden beziehen. (Anmerkung NaSchö: Wer sich für die Lederproduktion in Indien interessiert, sollte sich dieses Video anschauen, ab der 6. Minute wird es interessant). Aktuell ist es eine pragmatische Entscheidung, es weiter laufen zu lassen, da Offermann bspw. Verkaufsflächen im KDW hat, die bedient werden müssen. FOND OF BAGS ist nun einmal auch ein gewinnorientiertes Unternehmen, unabhängig von unserer Firmenphilosophie und wir haben daher beschlossen, es solange weiter laufen zu lassen bis wir eine zufriedenstellende Lösung haben. Wir wollen aber so schnell wie möglich umstellen.

Die Näherei (Indien) hingegen werden wir beibehalten, da diese bereits jetzt einen sehr hohen Sozialstandard bietet, so dass für uns keine Notwendigkeit zur Umstellung besteht.

NaSchö: FOND OF BAGS ist ja nicht nur ergobag, sondern unter diesem Dach gibt es zwischenzeitlich sieben Marken. Zieht sich die Unternehmensphilosophie übergreifend durch alle Marken?

Micha: Uns ist unsere unternehmerische Verantwortung sehr wichtig und wir sind selbstverständlich bemüht, dies über alle unsere Marken durchzusetzen, wie gerade schon anhand des Beispiels von Offermann erklärt. Allerdings gibt es Unterschiede, was die Innovationskraft im Bereich CR anbelangt. Das hängt aber auch vom jeweiligen Alter der Marken ab. Die älteren Marken, wie z.B. ergobag, können sich um ganz andere Sachen kümmern, als die Startup Marken, die erst einmal Produkte marktreif bekommen oder Kinderkrankheiten ausmerzen müssen. Allerdings hat Fond of Bags keine Vorzeigemarke, sondern tatsächlich ist unternehmerische Verantwortung etwas, das sich für uns durch alle Marken ziehen soll.

Die Marken von FOND OF BAGS

NaSchö: ergobag hat auch Zukaufprodukte, wie bspw. die Stifte in den Mäppchen. Verlangt ihr von euren Zulieferern ähnliche hohe und strenge Anforderungen, wie ihr diese an euch selber stellt?

Micha: Natürlich achten wir darauf, so ist es bspw. bei unseren Stiften so, dass wir FSE-Holz verwenden und es ist uns wichtig, dass sie von einem Hersteller kommen, zu dem wir Vertrauen haben. Wir verwenden zum Beispiel Lyra Stifte. Auch bei neuen Zulieferern schauen wir uns vorher die Produktionsbedingungen genau an, bevor wir eine Entscheidung treffen, ob wir dort Produkte bestellen oder nicht. Das trägt maßgeblich zu der Entscheidung bei, ob wir mit dem Hersteller in Produktion gehen oder nicht.

NaSchö: Öko-Test testet in der nächsten Ausgabe Schulranzen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird auch ein Schulranzen von ergobag dabei sein. Wisst ihr schon Genaueres, d.h. wie ergobag abschneidet?

Micha: Ja, wir haben bereits ein Feedback erhalten und es wurden problematische Stoffe gefunden, allerdings in so geringen Mengen, dass sie unserer Meinung nach zu vernachlässigen sind. Wir haben auch mit Bluesign und verschiedenen Testinstituten darüber gesprochen und diese bestätigten uns, dass dies Größenordnungen sind, die auf Verunreinigungen der Maschinen zurückzuführen sind. Den Testbericht selber haben wir aber noch nicht vorliegen.

NaSchö: Wie sehen eure Pläne in Sachen Nachhaltigkeit und Ökologie für die Zukunft aus? Habt ihr noch ein ganz großes Ziel vor Augen?

Micha: Auf Geschäftsleitungsebene sind wir gerade dabei, neue CR-Ziele zu entwickeln, auch mittelfristige Ziele. Ich persönlich würde die Reparaturfähigkeit und lange Nutzungsdauer / Langlebigkeit noch stärker in den Fokus rücken.

Eine Vision und ganz großes Ziel wäre natürlich ein „Cradle to Cradle“ Rucksack, der am Ende seines Lebenszyklus wieder komplett recycelt werden könnte, also entweder zu einem neuen Rucksack wird oder vielleicht wieder zu einer PET-Flasche.

NaSchö: Du sprichst da was an, sind die Rucksäcke eigentlich zum jetzigen Zeitpunkt schon recyclebar?

Micha: Das ist momentan leider noch nicht möglich, da die Stoffe aktuell nicht recyclebar sind. Das liegt daran, dass die Stoffe aus Polyester bestehen, die einen Polyurethan Hintergrund und vorne drauf eine wasserabweisende Beschichtung erhalten. Diese Verbindung lässt sich derzeit noch nicht trennen. Hinzu kommen außerdem verschiedene Schäume und Farben. Man kann deshalb momentan nur versuchen, die Produkte so langlebig wie möglich zu gestalten, z.B. dass ein Schulrucksack von mehr als einem Kind genutzt wird.

Wir sind da aber dran und sprechen bspw. mit TerraCycle und Interseroh und haben denen unsere Rucksäcke geschickt. In solchen Projekten werden die Produkte zerlegt und man schaut, was man da noch machen kann (Anmerkung NaSchö: Etwa wie Taschen aus LKW-Planen oder alten Segeln, ganz einfach formuliert). Wir sprechen auch mit der Verwertung, bspw. wenn ein Rucksack von uns in der Kleiderspende landet, ob sich da nicht ein Weg findet, diesen aufzubereiten und dann weiter zu verkaufen.

Affenzahn (für Kleinkinder), eine weitere Marke von Fon of Bags. 

NaSchö: Wie sieht es eigentlich bezüglich chemischer Imprägnierungen bei FOND OF BAGS aus, hier geht ein Trend zu umweltverträglichen Technologien. Wie ist das bei euch?

Micha: Du sprichst da PFC an. Das sind Polygone Wasserstoffe, die werden eingesetzt um den Stoff wasserabweisend zu machen. Das hat mit Wasserdichtigkeit gar nicht so viel zu tun, aber es macht die Stoffe Wasser- und Schmutzabweisend. Auf solche PFCs wollen wir ab 2019 komplett verzichten, aktuell gibt es aber noch keine gelungene Alternative dazu.

Der Endverbraucher hat nun einmal die Erwartung, dass bei einem Rucksack, wenn man Wasser darauf gießt oder es regnet, das Wasser ähnlich wie bei einer Lotuspflanze abperlt. Aber alles was ein Produkt mehr kann, egal ob es knitterfrei, bügelleicht oder sonstiges ist, bedeutet, dass mehr Chemie eingesetzt wurde. Deswegen sind wir in einem riesigen Spagat zwischen unserem ökologischen Anspruch keine PFCs zu verwenden und dem Anspruch des Endverbrauchers, der erwartet, das Wasser abperlt. Und nicht nur direkt nach dem Kauf, sondern auch noch nach zwei Jahren wird ein funktionierender wasser- und schmutzabweisender Effekt erwartet. 

Wir betreiben hier aktuell viel Forschungsarbeit, sowohl mit unseren Stoffproduzenten, als auch mit deutschen Chemieunternehmen, denn wir glauben, dass PFCs bald auch auf der europäischen Ebene verboten werden. In Norwegen sind PFC bereits jetzt verboten und wir glauben, dass sich das Verbot ausweiten wird.

Ein Beispiel für dich: Auch Teflon Pfannen sind nichts anderes als PFC beschichtet. Das Problem dabei ist, dass es sich eben in unserer Umwelt und Nahrungskette anreichert. Das können wir nicht wirklich wollen.

NaSchö: Also quasi ähnlich Mikroplastik, das auch gerade ein großes Thema in den Medien ist. Micha, ich danke dir für dieses aufschlussreiche Gespräch.

Micha: Gerne, es bleibt abschließen noch zu erwähnen, dass der Konsument und Endkunde alle Informationen zur Produktion auch auf der Seite von FOND OF BAGS einsehen kann. Wer hieran interessiert hat, kann sowohl unsere „Corporate Responsibility Berichte“ als auch unseren „Code of Conduct“ dort finden. Zudem sind auch alle unsere Nähereien (Größe / Daten) dort transparent aufgeführt. Diese Transparenz ist uns im Rahmen unserer unternehmerischen Verantwortung wichtig.

Die Corporate Responsibility Berichte:

Tatsächlich kann jeder von uns die Berichte und auch die Ziele auf der Seite von FOND OF BAGS einsehen. Hier der Link zur Corporate Responsibility Seite. Wer in den Bericht einmal hinein schaut, wird feststellen, das FOND OF BAGS nicht davor Halt macht, nur die Arbeits-, Produktions- und Umweltbedingungen zu hinterfragen, sondern auch das eigene Verhalten. So werden auch indirekte (Strom, Flüge, Bahnfahrten, …) und direkte (Logistik, Fracht, …) Teibhausgasemissionen hinterfragt. Ebenso kann man auf der Seite sämtliche Nähereien finden, mit denen FOND OF BAGS zusammenarbeitet. Transparent ist aufgeschlüsselt, wie viele Mitarbeiter die Nähereien haben, wie lange FOND OF BAGS mit der jeweiligen Firma zusammenarbeitet und wie viele der dortigen Mitarbeiter gewerkschaftlich organisiert sind. So transparent würde ich mir das bei allen Unternehmen wünschen.

Nachstehend auch ein kleines Video zu Fond of Bags, das Ihr bei Youtube finden könnt:

Mein kleiner Ausblick in die Zukunft:

Sieben Jahre, sieben Marken sind es bei FOND OF BAGS aktuell. Da ist Potenzial für mehr. Möglichkeiten gibt es da noch genügend, mal schauen was FOND OF BAGS da in Zukunft noch in petto hat. Bleibt man sich treu, gibt es möglicherweise bald mehr Brands. Vor meinen Augen sehe ich da Wickeltaschen, Fahrradtaschen, Kuriertaschen usw. Lassen wir uns überraschen. ;-)

Mein persönliches Fazit:

Mein Besuch bei FOND OF BAGS hat mich wieder einmal ein wenig nachdenklicher werden lassen. Jeder sollte deutlich mehr darüber nachdenken, wie er konsumiert. Meiner Meinung nach sollte jeder von uns Unternehmen unterstützen, die sich ihrer unternehmerischen Verantwortung bewusst sind und versuchen, dieser gerecht zu werden.

Wie ihr im zweiten Teil lesen könnt, haben wir uns daher für den Schulanfang unseres Sohnes ganz bewusst für einen ergobag entschieden. Selbst unser Sohn ist stolz und erzählt überall, dass er einen Schulrucksack aus recycelten PET-Flaschen tragen wird. Recycling und Trennen sind ihm schon in seinen jungen Jahren wichtig. Wir versuchen das unseren Kindern aber auch vorzuleben.

Habt ihr Anmerkungen zu meinem Bericht? Wie wichtig sind euch der Preis von Produkten oder die faire Herstellung und die unternehmerische Verantwortung von Unternehmen? Ich bin neugierig.

Links:

3 KOMMENTARE

  1. Toller Beitrag, über gewisse Dinge denken wir tatsächlich viel zu wenig nach, ich bin gerade sehr nachdenklich geworden. Wo finde ich den den erwähnten zweiten Teil? Unsere Tochter ist auch Vorschulkind und Ranzenkauf ist in 14 Tagen geplant.

  2. Spannendes Thema!
    Ich mag Firmen, die ihr Konzept durchdenken. Erinnert mich sehr an die Biobrush; es geht (noch) nicht 100%, aber man hat sich Gedanken gemacht und tut sein Möglichstes.

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