Inzwischen sind ein paar Tage vergangen. Die Umstellung auf Naturkosmetik erfolgte ziemlich radikal, von einem Tag auf den anderen. Mit den Produkten habe ich mich nun ein paar Tage näher beschäftigt und einige Erkenntnisse gewonnen. Ich habe viel mit Michaela über das Thema gesprochen. Nicht nur zu den Produkten, sondern im Allgemeinen. Meinen ersten Artikel dazu könnt ihr hier lesen. In den nächsten Tagen folgt ein weiterer.

Interessant finde ich, wie viel Selbsterkenntnis der Selbstversuch gerade bringt und wie sehr die Umsetzung den Blick auf meine eigene kleine Realität verändert. Verschwendung oder ähnliches lag mir noch nie, aber man nimmt viele Dinge einfach als gegeben hin und denkt nicht darüber nach. Setzt man sich dann mit einer Thematik etwas tiefer auseinander, fallen einem immer mehr Dinge ein und auf, die eigentlich total schräg und unnötig sind. Beschäftigt man sich mit Naturkosmetik und natürliche Inhaltsstoffe, so ist Nachhaltigkeit automatisch ein bedeutendes Stichwort. Denkt man dann über sein eigenes Konsumverhalten im Badezimmer nach, so  zieht das schnell auch größere Kreise.

Man stellt sich schnell die Frage, wie Nachhaltig und Ökologisch bin ich eigentlich?

Ich hatte im ersten Teil der Serie ja schon angemerkt, dass ich den Selbstversuch als eine Art Quer-/ und Umdenken sehe. Eben um Abläufe im Bad und die eigene Pflege mal tiefgreifend zu hinterfragen. Inzwischen stelle ich mir tatsächlich die Frage, ob man das nicht einmal auf die komplette Lebenseinstellung übertragen sollte. Ich stelle mir die Frage, was für eine Welt will ich meinen Kindern und nachfolgenden Generationen hinterlassen. Viel kann ich nicht ändern, aber kleine Schritte sind sicherlich hilfreich. Denn wenn alle kleine Schritte tun, wird gesellschaftlich sicherlich irgendwann ein großer Schritt daraus.

Wenn alle kleine Schritte tun, wird irgendwann ein großer daraus!

Mir sind in den letzten Tagen so viele Dinge aufgefallen, die mich immer nachdenklicher werden lassen. Irre, wie viel unnötigen Müll wir produzieren und wie viel Plastik unseren Alltag bestimmt. Nicht an jeder Stelle ist es vermeidbar, aber zumindest bei Wegwerfartikeln sollte unsere Gesellschaft auf nachwachsende und nachhaltige Rohstoffe setzen. Wäre doch fantastisch, wenn wir sämtliche Wegwerfartikel über die Biotonne entsorgen könnten. Beispielsweise weil diese aus unbehandeltem Holz gefertigt sind (Zahnbürsten, Kochlöffel, Wattestäbchen) oder aus wirklich kompostierbaren Kunststoffen (für  Folien, Tuben, …) bestehen. Um die Kurve wieder zu bekommen: Leider ist letzteres noch nicht einmal im Naturkosmetiksektor die Regel, sondern ebenso die Ausnahme, wie bei der herkömmlichen Kosmetik. Dabei gibt es bereits Bioplastik, dass innerhalb von 6 Monaten zu 90% im Wasser abbaubar ist (Quelle: Plastikcontrol).

Der  Recycling-Kreislauf im Rahmen des gelben Sacks ist nämlich auch nur bedingt nachhaltig, was viele gar nicht wissen. Auch wenn der gelbe Sack zwischenzeitlich bei uns hier zur Wertstofftonne mutiert ist (Quelle: AWB), wird diese nicht zu 100% recycelt. Wenn, dann wäre das toll und zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Tatsächlich landeten in Deutschland auch 2016 knapp 45% (Quelle: Zeit) des Plastikmülls in  einer Müllverbrennungsanlage! Wie die Quote in Köln ist (45% thermische Verwertung), konnte ich leider nicht konkret herausfinden, es ist auch hier (Rundschau) etwas schwammig formuliert.

Dass wir in unserem Haushalt gut trennen, können wir an der Größe unserer Restmülltonne bereits heute ablesen. Wir haben gerade einmal eine 60 Liter Tonne und diese ist für uns absolut ausreichend. Damit kommen wir sogar klar, wenn wir Gäste haben. Dafür haben wir aber 120 Liter Papier, 120 Liter Wertstoff und 120 Liter Bio-Tonne. Bei uns stand allerdings auch der finanzielle Aspekt durchaus im Vordergrund, denn 60 Liter Restmülltonne kosten im Innenstadtbereich unverschämte 340 Euro im Jahr, also knapp 28 Euro im Monat. Wer also schon nicht aufgrund ökologischer Sicht trennen will, der sollte es zumindest aufgrund finanzieller Aspekte in Erwägung ziehen. Denn: Biotonne ist kostenlos, Wertstofftonne (gelber Sack) ist kostenlos und schon über den Produkterwerb abgegolten und auch die Papiertonne ist kostenlos, denn der Rohstoff ist heiß begehrt. (80% Recyclingquote, Quelle: Umweltbundesamt). 

Das eigene Konsumverhalten zu hinterfragen ist der erste Schritt zu einem nachhaltigeren Leben

Ich habe im Zusammenhang mit dem Selbstversuch jedenfalls beschlossen, noch deutlich mehr auf mein eigenes Konsumverhalten zu achten. Damit meine ich nicht, auf moderne Errungenschaften zu verzichten. Aber mehr auf faire Bedingungen zu achte. Auch auf Regionalität, zumindest wo es Sinn macht. Es muss nicht immer alles durch die ganze Welt gekarrt werden, wenn es vor Ort genauso produziert werden kann. Also einfaches Beispiel bei Lebensmitteln: Äpfel. Bei Produkten die zu wählen, die aus nachhaltigen oder recycelten Ressourcen hergestellt wurden. Deutlich mehr auch auf Verpackungen zu achten, wo möglich, diese zu vermeiden. Letzteres insbesondere bei Produkten des täglichen Lebens. Was ist aber bei allen anderen Produkten, wie Kleidung, Schuhe, Consumer Elektronik, …?

Wir brauchen mehr Unternehmen die ihre Verantwortung gegenüber der Umwelt und gegenüber Menschen ernst nehmen!

Da stellt man sich schnell auch die Frage, ist Produktion in Entwicklungsländern oder Schwellenländern in Ordnung? Ich beantworte die Frage für mich selber mit einem deutlichem JA!

Produktion in Schwellenländern und Entwicklungsländern kann aus meiner Sicht auch eine Art von Entwicklungshilfe sein, zumindest wenn verantwortungsbewusste Unternehmen dort produzieren lassen und ihre Verantwortung gegenüber Umwelt und Menschen auch ernst nehmen. Sprich, Arbeiter so fair zu bezahlen, dass diese davon leben können, dass in Betrieben Standards (Arbeitssicherheit / Umweltschutz) eingeführt werden, wie wir diese in Europa längst haben. Also, wenn ein Produkt komplett dort unten produziert wird und ausschließlich zum Konsumenten – also uns – verschifft wird und nicht mehrfach als „Halbfertigprodukt“ durch die ganze Welt kutschiert wird, so halte ich dies für vertretbar und völlig in Ordnung. Schließlich macht Deutschland als Exportweltmeister mit seinen Produkten auch nichts anderes.

Unser modernes Leben funktioniert nicht ohne Kunststoffe, Konsum und Müll! Das wäre nicht schlimm, wenn wir weltweit einen 100% energie- und umweltneutralen Recyclingkreislauf hätten

Um nochmal zu den Kunststoffen zu kommen: Man muss als Konsument auch verstehen und verinnerlichen, dass unsere Gesellschaft aktuell nicht ohne Plastik und Kunststoffe auskommt. Zumindest nicht, wenn man als Bürger am modernen Leben teilnehmen will. Selbiges gilt bei Mobilität, Kleidung, Lebensmitteln und allen anderen Bereichen des Lebens.

Versteht mich nicht falsch, das war mir alles bereits vorher bekannt! Dennoch, alleine für diese Selbsterkenntnis bzw. Selbstreflektion hat sich dieser Selbstversuch schon gelohnt, denn viele Punkte sind für mich noch viel deutlicher in den Fokus gerückt. Ein Träumchen wäre, wenn wir irgendwann weltweit eine 100% Recyclingquote hätten, die noch umwelt- und energieneutral wäre. Nicht nur bei Kunststoffen, sondern insgesamt! Noch ein verdammt weiter Weg und wahrscheinlich gar nicht realisierbar!

Vielleicht sind wir mit Solartechnik, Brennstoffzellen, Biokunststoffen, Vernetzung im Allgemeinen und neuen Mobilitätsansätzen tatsächlich so langsam auf einem richtigen Weg. Auch wenn es noch Zeit braucht, viel Zeit! Im asiatischen Raum und auch in Afrika ist man dagegen aktuell auf dem besten Wege, viele Fehler der heutigen westlichen und reichen Industriestaaten zu wiederholen. Woran wir allerdings auch nicht so ganz unschuldig sind, solange Kleidung und Elektronik eben nichts kosten darf. Nur was haben wir für ein Recht, den Finger zu heben und oberlehrerhaft daher zu kommen, wir haben es schließlich nicht besser vorgelebt und tun es heute in vielen Bereichen des täglichen Lebens noch immer nicht. Und wir verschieben viele Umweltsünden einfach in andere Regionen der Erde.

Alles nach dem Prinzip: Aus den Augen aus dem Sinn. Da können wir wohl nur hoffen, dass man dort unten schneller den sinnigen Wandel der Zeit erkennt und uns vielleicht irgendwann den senkrechten Finger zeigt. So dass wir vielleicht als Gesellschaft einfach gezwungen werden, umzudenken! Vielleicht ist die Elektroauto-Quote in China doch nicht die schlechteste Idee. Auch wenn sich die westlichen Hersteller darüber gerade massiv sorgen. Ich habe so langsam die Erkenntnis: Nur mit politischen Vorgaben ist ein Wandel erreichbar. Hat sich oft genug gezeigt. Die freiwillige Selbstkontrolle geht in vielerlei Hinsicht immer nur über den Geldbeutel. Meint: so günstig wie möglich!

Über den Geldbeutel bedeutet aber auch, dass gerade ökologische und nachhaltige Produkte günstiger werden müssen. Aktuell kauft man das „gute Gewissen“ über einen höheren Preis ein. Das ist kein Vorwurf, denn gerade durch unfaire Arbeitsbedingungen und nicht umweltgerechte Produktion sparen Hersteller eben gewaltig an Kosten und können diese an den Konsumenten weiter geben. Günstiger werden nachhaltige und ökologische Produkte erst, wenn alle entsprechend produzieren oder produzieren müssen. Eben, wenn für alle die gleichen Regeln gelten.

Ich glaube, strengere politische Vorgaben würden Sinn machen!

Was könnte man politisch tun?  Mir kam beim Schreiben gerade eine Ökologie-Steuer in den Sinn. Eine Steuer, die ähnlich wie der persönliche Steuersatz funktioniert, aber eben nicht durch das Einkommen, sondern von ökologischen Standpunkten aus festgelegt wird. Man könnte so was auch Strafsteuer nennen! Je fairer ein Produkt gegenüber Menschen und Umwelt, so geringer (oder null) die Ökologie Steuer. Je unfairer das Produkt, umso höher die Steuer. Ein Wettbewerbsvorteil durch Ausbeutung von Natur und Menschen würde so zunichte gemacht und hätte für die Produzenten keinerlei Vorteil mehr. Wenn der Produzent bspw. höhere Löhne oder die Steuer zahlt und die Kosten damit ähnliches Niveau erreichen, dann setze ich auf Einsicht des Herstellers, die richtige Wahl zu treffen. Macht sich auch gesellschaftlich besser. Eine Steuer mit zwei Säulen: Mensch (Soziales, Sicherheit, …) und Umwelt (Recycling, Materialien, Methoden, …) ist leider eine Idee, die politisch niemals umsetzbar wäre. Außerdem würde dies die 100%ige Nachverfolgbarkeit jedes Einzelteils eines Produktes bedeuten, was aktuell schon praktisch gar nicht umsetzbar wäre. Auch wenn mir die Idee sehr gut gefällt.

Eine sinnige kurzfristige EU-Vorgabe bei Kunststoffen wäre vielleicht eine 70% Bio-Kunststoffquote am Gesamtmarkt. Eine höhere Recyclingquote für Papier und andere recycelbare Produkte und Kunststoffe. Das weitgehende Verbot von (unnötigen) Müllverbrennungsanlagen und ähnlichem. Wenn ich bedenke, was ansonsten immer für ein Mist (einschließlich abgehalfterter Politiker, die ihr Fähnchen neu ausrichten) aus Brüssel kommt, so wären das doch tatsächlich mal gute Ideen.

Selbsterkenntnis: Ich bin nicht Nachhaltig, ich bin nicht Ökologisch!

Zur Eingangsfrage in der Überschrift und wenn jeder Mal ein wenig Selbstreflektion betreibt: Eigentlich sind wir alle nahezu gar nicht nachhaltig. Wir verschwenden zu viel Wasser, produzieren zu viel Müll, konsumieren schlichtweg viel zu viel und verschwenden viel zu viele fossile Brennstoffe für unsere Mobilität. Nein, wir sind nicht nachhaltig. Alle nicht, außer wir leben als Eremit irgendwo in der Pampa in einem Blockhaus, bauen unsere Lebensmittel selber an, gehen mit Bogen auf die Jagd, Heizen mit Holz und waschen uns im Fluss mit natürlich abbaubaren Essenzen. Na ja, zumindest fließend Wasser stände einem dann zur Verfügung… Selbst dann wäre es wohl noch fraglich!

Dieser Artikel ist nun tatsächlich etwas abgeschweift und hat wenig mit dem Selbstversuch an sich zu tun, sondern mit Umdenken, Selbstreflexion und Selbsterkenntnis. Aber auch zur Umstellung selber wird es nun zeitnah ein paar Zeilen zu geben. Eigentlich sind diese schon nahezu fertig.

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Lars ist die männliche Komponente bei „Natürlich Schöner". Bei "Natürlich Schöner" der Mann für die handwerklichen Sachen und die männliche Sicht auf die Dinge. Außerdem für die technischen Aspekte der Seite zuständig. Er schreibt über nachhaltige Produkte, Urban Gardening, Upcycling, DIY und ab und an auch über Naturkosmetik.

6 KOMMENTARE

  1. Interessant, hat Spaß gemacht zu lesen. Finde die Ökosteuer Idee Top! Warte schon die ganze Zeit auf deinen zweiten Artikel. Gib Gas. Gruß Klaus

    • Der kommt in den nächsten Tagen. Es war ein wenig schwer den Anschluss zu finden, denn ich musste einige Dinge komplett neu bewerten. So langsam habe ich aber den Dreh raus… Beispiel: Thema „rasieren“ und Naturkosmetik sind echt ne Sache für sich. Nur so schon mal als Randbemerkung… ;)

  2. Die Ökosteuer ist eine gute Idee, allerdings kriegen dann Aldi und Konsorten ganz schöne Probleme. Gerade erst habe ich in einer Facebook-Gruppe ein Foto eines Users gesehen, der bei Lidl war. Dort waren sogar die Möhren mit Grün in Plastik verpackt! Das wird immer schlimmer.

    Ihr seid also auch Restmüll-Sparer? Wir haben auch eine 60 Liter-Tonne, die alle 14 Tage geleert wird. Meistens ist sie nicht mal zur Hälfte voll. Wir trennen akribisch. Obst und Gemüse bekommen wir unverpackt mit unserer Gemüsekiste, das macht eine Menge aus. Jetzt könnte man sagen, das ist unökologisch, weil die Kiste per Auto ins Haus geliefert wird. Wir leben aber auf dem Dorf, da könnten wir ohne Auto auch sonst nicht einkaufen.

    Apropos Auto: vor ein paar Tagen habe ich eine Reportage über den deutschen Autobau gesehen. Offensichtlich sind die Firmen an E-Autos so gut wie gar nicht interessiert. Eine Schande!

    LG Andrea

    • Mit vier Personen und einer Ferienwohnung sind die 60 Liter in der Regel voll und das wöchentlich. Wenn ich das mal hochrechne, sind das über 3m³ nur an Restmüll! Erschreckend, wenn man sich das mal vor Augen führt.

      E-Autos ist ein Thema für sich. Eigentlich sind E-Autos gar nicht wirklich nachhaltig, das ist ein Trugschluss. Es ist nur eine Verlagerung und es gibt halt punktuell weniger Schadstoffbelastung in der Luft. Schwieriges Thema.

      Das wäre im übrigen der Sinn, das Aldi, Lidl, Primarkt, Zara und Co ein Problemchen bekommen. Aber eben auch die ganzen Hersteller von 5,95 Euro Haartrocknern und 99 Euro LCD Fernseher.

  3. Habe vor kurzem ein Video über die BioMülltüte gesehen. Dort hieße es, die Mülltüten seien kompostierbar, bräuchten jedoch schlichtweg zu lange für die Müllverarbeitungsmaschinen. Die Tütenreste würden dann in die Verbrennung gelangen. Weißt Du etwas dazu? War ein Beitrag vom WDR und auch die haben durchaus sschon Nonsense verbreitet.

    • Ich denke, was du meinst sind diese Biokunststoff-Mülltüten, diese sollen tatsächlich bisher nicht in die Bio-Tonne, denn die Zersetzung ist noch immer nicht optimal, dauert zu lange und versäuert Kompost und Boden. Zumindest habe ich das so in Erinnerung. Entsprechende Papiertüten sind für den Bioabfall aber nach wie vor zugelassen. Dürften auch für die Maschinen kein Problem darstellen.

      Für den Restmüll benutzen wir wahrscheinlich alle Mülltüten, das ist auch eine erschreckende Menge Kunststoff. Wir nutzen allerdings nur Tüten aus recyceltem Material. Eine bessere Lösung ist uns dafür noch nicht unter gekommen.

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