„Sag einmal, gönnst du dir schon im Bad den ersten Schluck?“ – Eine Frage, die mir schon des Öfteren gestellt wurde, da bei uns im Bad auch eine Flasche Whisky oder Single Malt einen angestammten Platz hat.

Ich schmunzle dann immer und verneine, denn ich brauche natürlich nicht schon vor dem Frühstück einen ersten kräftigen Schluck und auch meinen Kaffee trinke ich ohne Schuss. Der fragliche Whisky ist in der Regel (zumindest für einen Liebhaber wie mich) kaum trinkbar und eher ein Rachenputzer oder Rasierwasser…

Rasierwasser? Ja, bei diesem Stichwort wird es eindeutig heißer, allerdings schauen mich alle, die mir die „der erste Schluck“-Frage stellen, dann dennoch zunächst ein wenig irritiert an. Hier ist dann immer ein wenig Erklärungsbedarf von Nöten und ich glaube, selbst nach diesen vielen Jahren glaubt der eine oder andere trotzdem lieber an die „der erste Schluck“-Theorie, als dass ich mir jeden Morgen Whisky ins Gesicht klatsche!

Wie ist das passiert?

Rasiermittelchen? Was es da alles neben Rasierschaum/gel und dem Werkzeug gibt: Rasurpuder, Pre-Shave, After Shave, After Shave Lotionen und After Shave Balsame, Pflegecreme…! Nicht nur die Auswahl der Mittelchen ist groß, auch die der Anbieter. So gibt es von jedem besseren Herrenduft inzwischen auch ein Aftershave auf Alkoholbasis oder ein Balsam und auch in Naturkosmetikläden finden sich inzwischen zahlreiche Produkte. Letzteres jedoch erst seit wenigen Jahren und so hatte ich einen langen Leidensweg, als es darum ging, nach der Rasur die Haut ein wenig zu beruhigen, ohne Unsummen an Geld dafür auszugeben.

Ich bevorzuge eigentlich, seitdem die Härchen sprießen, die Nassrasur, da meine empfindliche Haut auf Elektrorasierer nicht sonderlich gut reagiert und ich die Rasur mit Messer und Schaum sowie das morgendliche Ritual als deutlich angenehmer empfinde.

Den ganzen Mittelchen jedoch, die durch die Werbung geisterten, konnte ich dagegen nicht allzu viel abgewinnen. Mir bescherten alle Produkte nur Pickelchen, Rötungen und unangenehme Spannungen der Gesichtshaut, so dass ich irgendwann davon absah, meine empfindliche Haut diesen Mitteln auszusetzen und zu reizen. So nutzte ich lange Zeit ausschließlich warmes Wasser, um die Haut auf die Rasur vorzubereiten und Rasierschaum oder -seife, um die Rasur durchzuführen.

Bis mir ein alter Schotte über den Weg lief und mir davon erzählte, wie gut und praktisch doch das „Naturprodukt“ Single Malt wäre und dass in seiner Heimat eigentlich jeder ganze Kerl nichts anderes als Wasser, Seife und Malt an sein Gesicht ran lässt. Da ich eine gesunde Skepsis besitze und natürlich auch dem Marketingfeldzug der Kosmetikindustrie ausgesetzt war, hielt ich die Idee, mir am Morgen ein hochprozentiges alkoholisches Getränk ins Gesicht zu klatschen, zunächst für keine sonderlich gute Idee.

Aber warum eigentlich nicht? Denn die klassischen After Shaves bestehen zum größten Teil auch aus purem Alkohol, denen zusätzlich diverse chemischen Mittelchen (kosmetische Pflegestoffe, Emulgatoren, Duftstoffe) oder Öle beigemischt werden.

Das Thema beschäftigte mich eine Zeitlang und irgendwann quatschte ich mit einem Freund über dieses Thema, durch dessen Adern auch ein wenig irisches Blut fließt. Zu meiner Verwunderung meinte er dann, dass er schon seit Jahren Whisky als After-Shave-Ersatz einsetzt und mehr als zufrieden ist. Wie heißt es so schön: „Versuch macht klug“ und so startete ich einen Selbstversuch – zunächst mit einem Produkt aus der Hausbar.

Warum bin ich dabei geblieben? Meine Meinung!

Da ich heute noch an der Flasche hänge, verlief der „Single Malt ist nun After Shave“ – Versuch wohl recht positiv. Keinerlei Hautirritationen, Rötungen oder ähnliche Probleme und das bis zum heutigen Tage!

Wer nun – wie ich damals zunächst- meint, dass man im Anschluss wie eine Schnapsfabrik stinkt und sich nicht mehr unter Leute wagen kann, der irrt ebenfalls gewaltig! Genau wie bei einem After Shave verfliegt der Alkohol an der Luft recht schnell und zurück bleiben ausschließlich ganz dezente Duftnoten des Whiskys nach Torf, Holz, Fass, Malz, Rauch und andere charakteristische Aromen. Ich persönlich empfinde diese Geruchskulisse recht angenehm und für einen guten Geruch verwende ich ansonsten ein Eau de Toilette.

Meine Erfahrung zur Haltbarkeit des Duftes: Je günstiger der Whisky, umso schneller verfliegen auch die Duftaromen auf der Haut. Dennoch bin ich nicht bereit, einen guten und hochwertigen Single Malt als Rasierwasser zu missbrauchen.

Die Verwendung von Whisky als Rasierwasser funktioniert ansonsten genau wie bei herkömmlichen Mittelchen. Einfach eine gewisse Menge auf die Hände tun und über das Gesicht und den Hals verteilen. Der Whisky brennt auf der Haut nicht mehr, als ein herkömmliches After Shaves auf Alkoholbasis. Im Gegenteil es wirkt kühl, frisch, männlich und erfrischend herb. Wie der Schotte schon sagte, etwas für den Kerl im Manne.

Ist das gesund? Überhaupt sinnvoll?

Ob die Verwendung von Whisky sinnvoll, gesünder oder ungesünder als klassische After Shaves auf Alkoholbasis oder Balsams sind, kann ich leider als Laie nicht so einfach beantworten. Trotz intensiver Webrecherche konnte ich keine Informationen, historischen Grundlagen oder medizinische Gründe entdecken, die dafür oder dagegen sprechen. Weder in Deutschland, noch in England oder in Schottland.

Wer die Suchbegriffe Whisky + Rasierwasser / Single Malt + After Shave oder ähnliche Kombinationen als Suchbegriffe nutzt, wird jedoch immer wieder auf die „das ist nur als Rasierwasser verwendbar“ – Floskel treffen.

Bei einem Besuch einer schottischen Destille habe ich das Thema aus Interesse angeschnitten. Der Destillateur wusste zu berichten, das die Nutzung von Single Malt durchaus keine Seltenheit darstellt und er selber auch zu seinem eigenen Destillat greift, da er den herben und männlichen Duft nach Torf und Malz mag.

Wenn man sich dann die Zusammensetzung von Whisky einmal näher anschaut, so entdeckt man durchaus positive Gesichtspunkte, die eine Nutzung des Produktes als Rasierwasser / After Shave sinnvoll erscheinen lassen. Zum einen ist Whisky ein natürliches Produkt, welches ausschließlich aus Gerste (USA: Getreide), Hefe und Wasser destilliert wird und keinerlei Zusatzstoffe enthält.

Außerdem finden sich im Whisky neben Alkohol auch Gerbstoffe, welche die Haut im Prinzip zart werden lassen. Gerbstoffe sind Pflanzeninhaltsstoffe, die in der Lage sind, Eiweißstoffe der Haut zu binden und somit in feste unlösliche Stoffe zu überführen, quasi in eine Art Eiweiß-Gerbstoff-Verbindung. Gerbstoffe besitzen außerdem eine Heilwirkung, die darauf beruht, Bakterien den Nährboden zu entziehen. So wirken Gerbstoffe auch reizmildernd und entzündungshemmend. Aspekte, die auch jedem After Shave zugutekommen und der Alkohol im Whisky desinfiziert dabei gleichzeitig (wie auch bei klassischen After Shaves) kleinere Wunden.

Darüber hinaus finden sich in Whisky keine bedenklichen Stoffe wie Formaldehyd / -abspalter (lassen die Haut schneller altern), Diethylphthalat oder Duftstoffe, welche Allergien auslösen können und in fast allen After Shaves in der einen oder anderen Form enthalten sind.

Berücksichtige ich diese Punkte, muss ich als Laie behaupten, dass Whisky im direkten Vergleich zu anderen After Shaves durchaus keine schlechte Wahl darzustellen scheint.

Historische Betrachtung

Schon zu Zeiten des Römischen Reiches wurde fleißig destilliert. Meist allerdings zu Zwecken der Medizin oder zur Herstellung von Parfüm und auch die Rasur ist keine Erfindung der Neuzeit. Schon die Ägypter und Römer haben sich rasiert (oder geschabt). Dies könnt ihr näher bei Wikipedia (Direktlink) nachlesen.

Urkundlich wird Whisky (Uisge Beatha – Wasser des Lebens) jedoch erstmals 1494 erwähnt. Historisch bedingt bin ich persönlich daher durchaus der Auffassung, dass Whisky (und auch Rum) sehr lange Zeit als Rasierwasser genutzt wurden, auch mangels Alternativen.

Moderne Mittelchen existieren – nüchtern betrachtet – erst wenige Jahrzehnte. Seit 1800 herum gab es jedoch bereits Produkte, die auf Basis von Ölen, Alkohol und Zusätzen wie Eichenrinde, Hamamelis, Salbei und Aluminiumsalzen entstanden und vertrieben wurden und welche es wahrscheinlich in ähnlicher Form auch schon bei den Römern gab. Die Zusätze sollten dabei entspannend und adstringierend (blutstillend) wirkten.

Diese Produkte kann man teilweise noch heute im guten Fachhandel oder in darauf spezialisierten Onlineshops erwerben. Allerdings sind bereits kleine Flakons mit 25 Euro und mehr nicht sonderlich günstig.

Produkte auf Whisky Basis konnte ich dagegen nicht entdecken, allerdings stehen nach wie vor diverse Produkte auf Rum Basis in den Regalen. Die Produkte, die den Namen Bay Rum tragen, basieren auf echtem Jamaika-Rum und dem ätherischen Öl, das aus dem Destillat des Bayrumbaum (Westindischer Lorbeer) (siehe Wikipedia) gewonnen wird.

Preise und Reichweite

Das schöne, wenn man einen Whisky oder Single Malt als Rasierwasser verwendet, ist sicherlich der günstige Preis. Man benötigt dafür kein hochwertiges Produkt, keinen 16jährigen Lagavulin (wie auf dem Bild und mein absoluter Lieblings Single Malt) oder ähnliche gute und teure Produkte. Ein günstiger Whisky aus dem Discounter ist völlig ausreichend.

Mein aktueller Whisky stammt aus dem Großhandel und hat inkl. MwSt gerade einmal 9 Euro im Angebot gekostet. Ich nutze bereits seit Jahren den Old Scotch Whisky (Gold Lable) von Alastair’s, der drei Jahre im Fass gelagert wurde und einen Alkoholgehalt von 40 % vol. besitzt. Mir gefällt der Geruch und das Preis / Leistungsverhältnis (solange ich diesen nicht trinken muss). Ich habe allerdings auch schon Produkte von Aldi und Lidl verwendet. Die Unterschiede sind minimal, auch wenn es natürlich immer leichte Unterschiede im Alkoholgehalt und Geruch gibt.

Mit einer 0.75 Liter Flasche kann man darüber hinaus sehr lange haushalten. Ich komme mit einer Flasche und regelmäßiger Nutzung (ohne einen Schluck zu nehmen) in der Regel ein dreiviertel bis zu einem Jahr aus.

Bewertung

Ich vergebe für Whisky oder Single Malt als Rasierwasser / After Shave volle fünf von fünf Sternen. Sicherlich wird der eine oder andere Leser nach wie vor skeptisch sein, bei mir wird jedoch weiterhin immer eine Flasche im Bad stehen, auch wenn ich inzwischen manchmal auch Produkte aus der Naturkosmetik verwende, die meine Frau mir vor kurzem mitgebracht hat. Auch diese Produkte verträgt meine sensible Haut. Hierzu bei Gelegenheit mehr in einem anderen Artikel.

Bezugsquellen

Günstigen Whisky im gutsortierten Einzelhandel

Guten Whisky und Single Malt (zum tinken) bspw. bei Whisky-World.de

Der erwähnte Bay Rum (After Shave) beispielsweise bei The Different Scent (hier und hier) oder bei Manufactum

3 KOMMENTARE

  1. Ich habe mich schon häufiger gefragt, warum sich so viele Leute abends rasieren. Der Aspekt mit dem Whisky stellt die Sache in einem völlig anderem Blickwinkel dar. Ich sollte vielleicht meine Gewohnheiten überdenken ;)

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